Kamel oder Hase…?

Posted on 11. Februar 2012

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Ein Fuchs betrachtete bei Sonnenaufgang seinen Schatten und sagte: <Ich will heute Mittag ein Kamel verspeisen.> Und den ganzen Morgen lief er herum und suchte nach Kamelen. Doch am Mittag sah er noch einmal seinen Schatten – und sagte: <Eine Maus wird reichen.>

(Khalil Gibran, Der Fuchs)

Trotze, so bleibt dir der Sieg.

(Friedrich Hebbel)

Hat der Fuchs zu schnell aufgegeben…? Er betrachtete seinen Schatten und merkte, wie klein er in Wahrheit ist, im Vergleich zu einem Kamel. Er bekam Zweifel – wie sollte er es schaffen, ein Kamel zwischen die Zähne zu bekommen…? Die Idee mit dem Kamel war doch eine Nummer zu groß für ihn! Schließlich konnte er nicht mehr daran glauben, dass es ihm gelingen würde, ein Kamel zu verspeisen und er gab klein bei. Es hätte ihm auch eine Maus gereicht… – besser als gar nichts – eine Notlösung. Der Fuchs wollte hoch hinaus, aber als die Stunden vergingen, war er sich nicht mehr so sicher wie am Morgen, als er sich zum Ziel gesetzt hatte ein Kamel zum Mittagessen zu verspeisen. Er glaubte nicht mehr, dass er dieses Ziel auch erreichen würde.

Vielleicht war er nicht beharrlich genug – vielleicht hätte er einfach nur ein kleineres Tier als ein Kamel ins Auge fassen sollen. Ein Ziel, dessen Erreichung für den Fuchs, gemäß seinen Überzeugungen, realistischer gewesen wäre.

Sich für ein Ziel zu entscheiden, dessen Verwirklichung man auch dem dazwischenplappernden Verstand glaubhaft machen kann und man dadurch im Glauben an der Erreichung des Zieles gestärkt wird – Tag für Tag. Was nützt es große Ziele anzuvisieren, wenn man jedes Mal, wenn man darüber nachdenkt von Zweifeln geplagt wird? In so einem Fall sind die Zweifel unsere schlimmsten Feinde.

Und sie geben keine Ruhe, sie melden sich immer öfter, sie breiten sich in uns aus. Irgendwann schaffen sie es, dass wir unsere anfängliche, für unser Ziel empfundene Euphorie verlieren – wir haben nicht mehr soviel Power, nicht mehr so viel Zuversicht, wie am Anfang… dann geschieht vielleicht auch noch etwas Unerfreuliches (womit man nicht gerechnet hat), eine unangenehme Überraschung… der positive Energieschub von einst schrumpft… wir wenden uns wieder anderen Dingen zu… Dingen, die außer uns hunderttausend andere Menschen auch tun (das wird schon richtig sein – das ist realistisch!)… und irgendwann geben wir unser Ziel auf… es hat nicht sollen sein. –  das einst hochgesteckte Ziel wird abgehackt. Die Zeit war noch nicht reif dafür… habe andere Probleme… habe auch gar nicht die Zeit dafür… der Aufwand wäre auch viel zu groß gewesen

Schade… vielleicht wäre es besser gewesen, nicht gleich ein Kamel ins Auge zu fassen, sondern einen Hasen…? Freilich, ein Hase ist wahrscheinlich nichts besonderes – es wäre keine so große Anstrengung nötig, wie das bei einem Kamel der Fall wäre. Aber wenn es mit dem Hasen geklappt hätte, hätte der Fuchs möglicherweise mehr Selbstvertrauen gewonnen um mit der Zeit auch ein Kamel zu verspeisen.

Der Hase hätte ein Etappensieg sein können, der den Fuchs in seinem weiteren Vorhaben gestärkt hätte. Step by Step. Eins nach dem anderen. Das Ziel immer vor Augen. Beharrlich sein, vertrauen und felsenfest daran glauben. Jeder Etappensieg wird so zu einem Fest – ein Gefühl, das uns auf dem Weg zum Ziel beflügelt. Positive Energie – wir sind im Fluss – versorgt unsere Phantasie mit Nahrung (mehr Vorstellungskraft) und verscheucht die Zweifel, die mit der Zeit immer seltener auftauchen. Sie haben keine Chance mehr – wir haben bereits kleinere Siege errungen, die uns unfehlbar zum hohen Ziel führen werden.

Wir spüren, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Wir spüren, dass uns nichts und niemand mehr aufhalten kann – wir haben das hohe Ziel schon im Visier. Ein Paar Schritte noch – vielleicht auch noch einige wenige kleinere Stolpersteine. Aber dann. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis wir unser Kamel bekommen.

Und eines Tages werden wir über die Geschichte mit dem Fuchs lachen, der sich statt dem Kamel mit einer Maus begnügen musste, weil er nicht schlau genug war zuerst nach einem Hasen Ausschau zu halten.

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Zuerst ignorieren sie dich, dann lachen sie über dich, dann bekämpfen sie dich und dann gewinnst du.

(Mahatma Gandhi)

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Liebe Grüße,

© Sunelly Sims

(Photo #1: „Other Mammals“)

(Photo #2: Photokanok)